Veröffentlich am 13.03.2016

Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die antisemitische BDS-Maskerade – #noBDS

Bilder: (c) Daniel Weber, GRAS Wien
Wenn wir heute über Antisemitismus sprechen, dann greift es zu kurz, über den von Neonazis, Hooligans, deutschnationalen Burschenschaftern und islamistischen Gruppierungen zu reden. Antisemitismus findet sich heute nach wie vor in subtilen, historisch überlieferten Feindbildern: Antisemitische Ressentiments artikulieren sich in Form einer vermeintlichen Kritik an Kapitalismus oder am Imperialismus. Während offene Antisemit_innen den Jüdinnen* und Juden* gewisse negative Eigenschaften zuschreiben, werden diese immer öfter als sogenannte “Israelkritik” auf Israel oder den Zionismus projiziert[1]. Unabhängig davon, in welchem Kontext Antisemitismus vorkommt oder reproduziert wird: Als GRAS Wien wollen wir heute und hier ein Zeichen gegen jeden Antisemitismus setzen!
Die vom österreichischen BDS-Bündnis organisierte “Israeli Apartheid Week” ist eine von vielen Veranstaltungen, die unter dem Deckmantel eben jener “Israelkritik” steht: Zum zweiten Mal findet sie heuer in Wien statt und bietet antisemitischer Hetze ein einwöchiges Podium. Boycott-Disvestments-Sanctions, kurz BDS, ist eine angeblich 172 palästinensische Organisationen umfassende, weltweite Kampagne[2], welche die “Besetzung und Kolonisation allen arabischen Landes”[3] beenden will. Die Situation in Israel als Apartheid zu bezeichnen, ist eine Verharmlosung all dessen, was bis 1994 in Südafrika passiert ist.
Es geht BDS mit dieser Veranstaltung keineswegs um die Verbesserung der Situation, sondern einzig und allein um die Delegitimisierung Israels als jüdischer Staat!
Immer wieder lesen wir heute davon, dass sich Jüdinnen* und Juden* in Europa nicht sicher fühlen: Antisemitische Ressentiments, Angriffe und islamistische Anschläge führen dazu, dass viele nach Israel auswandern. Beispielsweise hat sich die Zahl der aus Frankreich nach Israel ausgewanderten Jüdinnen* und Juden* von 2012 bis 2014 jedes Jahr verdoppelt, 2014 waren es bereits 7000 Personen[4]! In Deutschland stieg die Anzahl antisemitischer Straftaten 2014 um rund 25 Prozent[5]. Israel ist damit kein Staat wie jeder andere, sondern bezieht seine Existenzberechtigung direkt aus seiner Rolle als Schutzraum für Jüdinnen* und Juden*.

Karin Stanger und Marita Gasteiger von der GRAS Wien
Die Forderungen von BDS beinhalten neben dem “wirtschaftlichen” und “kulturellen” Boycott auch den akademischen. Der Aufruf zielt auf den Wissenschaftsbetrieb und damit ganz klar auf Studierende und Wissenschaftler_innen ab. Insbesondere an US-amerikanischen und britischen Universitäten brachte dies in den letzten Jahren eine große Zahl an Befürworter_innen mit sich [6].
Im November letzten Jahres sah sich aber beispielsweise auch das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien damit konfrontiert, dass die American Anthropological Association – eine der ältesten und größten Dachorganisationen von Anthropolog_innen weltweit – zum Boykott akademischer Einrichtungen im Staat Israel aufrief [7]. Initiator davon war der US-amerikanische Teil der BDS-Bewegung, der glaubt, durch die konsequente Ablehnung einer Zusammenarbeit mit israelischen Universitäten die israelische Siedlungspolitik verändern zu können.
Wie auch die Studierendenvertretung an der Kultur- und Sozialanthropologie in ihrer Stellungnahme[8] gegen den Boykott betont, ist vor allem problematisch, dass „israelische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Gesamtheit für die Handlungen der israelischen Politik mitverantwortlich gemacht werden.
Hierbei handelt es sich konkret um Maßnahmen, bei denen der Zugang zu Datenbanken oder Plattformen verweigert wird, was wiederum Wissenschaftler_innen und Studierende als Individuen an der Teilnahme am internationalen Wissenschaftsdiskurs hindert. Es geht also keineswegs um abstrakte Institutionen, wie das BDS immer betont. Damit werden die Lebensbedingungen von Individuen verschlechtert und ihre wissenschaftlichen Karrieren eingeschränkt. Dies alles ist weder im Sinne einer pluralistischen, freien Wissensgesellschaft noch der Lösung des Nah-Ost-Konfliktes dienlich!

Karin Stanger und Marita Gasteiger von der GRAS Wien
Wenn wir uns heute hier auf die Straße stellen, um Antisemitismus zu verurteilen, dann kommen wir nicht umhin, uns klar auch von jenen zu distanzieren, die unser Anliegen für ihre eigenen politischen Ziele instrumentalisieren:
Wenn sich die FPÖ neuerdings als Kämpferin gegen Antisemitismus profilieren will, dann ist das heuchlerisch. Eine rechtsextreme Partei, die von sich als “die neuen Juden” in Anspielung auf den Holocaust spricht und die Proteste gegen den Burschenschafter-Ball im Januar mit den Novemberprogromen von 1938 vergleicht, hat nicht verstanden was Antisemitismus bedeutet[9]. Diese Vereinnahmung verurteilen wir aufs Schärfste!
Ebenso ist es dubios, dass eine Partei, die den Antisemitismus ihrer Gründer und deren Rolle im Austrofaschismus nicht aufgearbeitet hat, nun eine klare Position zu BDS bezieht.
Ob Karl Lueger, Julius Raab, Leopold Kunschak, Engelbert Dollfuß oder zahlreiche andere Exponent_innen der ÖVP jener Zeit – wer deren antisemitische Hetze und damit deren unmittelbare Mitverantwortung für den Holocaust leugnet, dessen Positionierung gegen Antisemitismus ist fraglich[10]!
Als GRAS Wien stehen wir klar dazu: Antifaschismus heißt, sich klar gegen Antisemitismus zu stellen. Egal von welcher Seite und in welcher Form. Darum sind wir heute hier! Gegen jeden Antisemitismus!
——
Wir erkennen an, dass es mehr als nur zwei Gender in unserer Gesellschaft gibt und jede einzelne Person für sich selbst definieren kann und soll, wie sie verstanden werden will. Um dies auch visuell im Text hervorzuheben, gendern wir mit “Underscore” (_) um Platz für alle Gender zu geben und verwenden den Stern (*) um auf das soziale Konstrukt der zweigeschlechtlichen Gesellschaft hinzuweisen.