Homophober Moslem, toleranter Westen? Eine Buchempfehlung
Vor wenigen Wochen hielt der Soziologe Georg Klauda einen Vortrag in Salzburg mit dem Titel "Homophober Moslem, toleranter Westen?" - basierend auf das 2008 erschienene Buch von Klauda "Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heternomoralisierung der islamischen Welt.".
Bewertung des Vortrags und der anschließenden Diskussion: Sehr interessant und spannend - Wer also in der Nähe eines stattfindenden Veranstaltungsabend mit Klauda sein sollte: unbedingt hingehen.
Worum geht's jetzt nun überhaupt?
Klauda beginnt sein Buch mit einer kurzen Auflistung von 'nicht-westlichen' Ländern und den aktuellen Problematiken dort im Zusammenhang mit Männern die mit anderen Männern Sex haben (MSM - men who have sex with men; eine Formulierung der internationalen Gesundheitsorganisation). zB Robert Mugabe (Simbabwe; 2002): "Homosexualität sei 'unafrikanisch' und eine dekadente Erscheinung des Westens."; Sam Nujoma (Namibia, 2001): "Homosexualität sei gegen Gottes Willen und 'Teufelswerk'." Der Autor schwenkt dann allerdings seinen Blick 100 Jahre und mehr zurück und verweist auf Reiseberichte in denen Menschen der 'westlichen' Welt den Orient als abstößig empfanden, weil es dort etwas gab, dass sie selbst bereits, aufgrund von Verboten, Verfolgung und Bestrafung, erfolgreich eliminiert glaubten: Männerfreundschaften und Homosexualität.
Klauda bezieht Francis Burton (britischer Orientalist und Afrikaforscher; 1821-1890) in seine Analyse mit ein - es folgt ein Zitat aus dem Buch: Burton "[...] sieht den Orient als Teil der 'Sotadischen Zone', eines geographischen Gürtels, der sich vom Mittelmeerraum über Kleinasien, Mesopotamien, Persien, Afghanistan und den nicht-hinduistischen Teil Indiens bis nach China, Japan und schließlich Mittelamerika ziehe." Burton scheint ein guter Beobachter zu sein, wenn auch gefangen im Denken seiner Zeit (sprich: das Christentum als die beste Religion und Homosexualität ein Laster gegen die Natur), denn er bemerkt durchaus, dass sich durch die Fremden (Europäer) zwar die Beziehung von Männern zu Männern nicht verändert, allerdings aber vor dem Europäer versucht wird zu verstecken.
Diese Veränderung wird in den nächsten Jahrzehnten und dem nächsten Jahrhundert immer weiter fortgetrieben, bis viele sogar den offenen Umgang mit Homosexualität schließlich sogar vergessen hatten.
Die Homosexuellenverfolgung in Ländern "in denen die Einführung des Homo/Hetero-Binarismus noch jüngeren oder sogar jüngsten Datums ist" benötigt viel Kraft und psychologische Arbeit eines Sortierens und Klassifizierens von Menschen. Nicht überall, aber doch in einigen Teilen des Orients, beginnt auch das Bild von Männerfreundschaften sich zu wandeln.
Eine Männerfreundschaft - im Sinne wie Freundinnen möglicherweise sogar 'Busenfreundinnen', 'best friends', die einander offen ihre platonische Zuneigung zeigen mit Händchenhalten und Küssen auf die Wange - eine solche Männerfreundschaft, ist für viele EuropäerInnen auch im Jahr 2011 etwas das eigenartig anmutet. Werden Männer ja auch dazu erzogen keine 'enge Beziehung' zu anderen Männern zu haben, so verwundert es mich nicht, dass viele Männer nicht fähig sind mit ihren männlichen Freunden, oder besser: 'Kumpel', über ihre Gefühle und über ihren Herzensschmerz zu sprechen.
Ebenfalls sehr interessant sind Klaudas 'Zur Kritik des Kulturalismus'-Abschnitte, von welchen es zwei gibt und in denen im besonderen die Vorurteile gegenüber MigrantInnen in Deutschland im Zusammenhang mit Homosexualität beleuchtet und die darin liegendenen Falschannahmen und -aussagen anaylsiert und widerlegt werden.
Neben Bezugpunkten des Islamischen Rechts, Entwicklung des 'Outing-Terrors', Verweise auf Religionspolizisten (bzw. Sittenpolizisten) und vielen mehr Aspekten die die Veränderung von Homosexualität bzw. die Einführung einer Welt von Homo- und Heterosexualität im Orient aufzeigt und den gleichen Veränderungen, Formungen und Einführung in der europäischen Welt: von Ansichten von Thomas von Aquin (Frau als Fehlbildung der Natur; Sodomit als einer von der menschl Gattung abweichende Sondernatur), von christlicher Disziplinarapparat bis zur Sodamiterkommission (eine Überwachungstechnik), das Ende der Schwurbruderschaft (Schwurbruderschaft als Freundschaft/Bruderschaft zwischen Männern im Mittelalter und der frühen Neuzeit), 'Mollies' im London des 18. Jhdts & "Societies for the Reformation of Manners" bis hin zur Bürokratisierung und dem Fokus auf die Familie quasi als Zentrum des Mannes/Menschens und dafür um so mehr Distanz zu 'Freundschaftsbeziehungen' uvm. .
Das Buch ist mit ca. 130 Seiten und aufgrund des flüssigen Schreibstils von Klauda sehr schnell zu lesen. Trotzdem ergibt sich eine Wissens-/Erkenntniserweiterung, stachelt Denkprozesse an und hilft Vorurteile abzubauen.