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Themenwechsel? Systemwechsel!

Heute starten wir unsere Textreihe zum Thema Antikapitalismus: Wir diskutieren das Thema, rücken unterschiedliche Aspekte in den Fokus und bemühen uns in Debattenform auf die jeweils anderen Texte zu beziehen.

Marktwirtschaft ist Mist. Das klingt provokant, aber eigentlich wissen das ja eh alle irgendwie. Oder könnten es zumindest wissen, auch ohne was von Marx gelesen zu haben. Schauen wir uns zum Beispiel den aktuellen Wettlauf der europäischen Länder um das härteste Sparpaket an: Da drängt sich der Gedanke schon einigermaßen auf, dass in diesem System die Lebensqualität seiner BewohnerInnen nicht unbedingt an allererster Stelle steht.

Ganz im Gegenteil: Eine schlechte Lebensqualität der Menschen wird nicht nur in Kauf genommen, sie ist sogar das Mittel für den Erfolg der Nation. Deutlich wird das momentan in Deutschland, das sich besonders schnell von der Krise erholt hat. Der Wachstumsmotor brummt. Und warum? Die FAZ ist um eine ehrliche Antwort nicht verlegen: "Arbeit ist günstig zu haben in Deutschland und flexibler zu handhaben als oft geglaubt. (...) Ihre Bescheidenheit haben die Arbeitnehmer inzwischen amtlich: Nirgendwo sind die Löhne in den vergangenen Jahren weniger gestiegen."

Auf den Punkt: Das Erfolgskriterium für eine kapitalistische Nation ist Wachstum und fürs Wachstum ist es gut, wenn die Unternehmen möglichst viel Profite machen. Löhne sind aber immer ein Abzug vom Unternehmensgewinn. Ergo: Damit Profite rauf, Löhne (und Sozialleistungen) runter. Nur so steht alles zum Besten in der besten aller möglichen Welten! So weit, so bekannt - die MeinungsführerInnen aus Politik, Wirtschaft und Presse machen aus diesem Umstand ja sowieso selten einen Hehl. Das haben die gar nicht (mehr) nötig. Warum?

Weil die mündigen und zu gesundem Skeptizismus erzogenen StaatsbürgerInnen wenn es um eine wirkliche Veränderung geht plötzlich außerordentlich kritisch werden: "Aber kann es denn überhaupt anders gehen?" wird man gefragt. Nein, natürlich nicht: Menschen sind von Natur aus so konzipiert, dass sie ein ultra-kompliziertes System einrichten, wo die Wurst auf dem Butterbrot vom Herrn Meier genauso wie der Mietpreis von Frau Müller davon abhängen, ob irgendeiner Bank mit irgendwelchen Wertpapier-Derivaten, die die selber nicht mehr verstehen, ihre Spekulation gelungen ist. Das steht im menschlichen Genom, ganz vorne im ersten Kapitel - wusstet ihr das nicht?

Eigentlich ist es doch ganz einfach. Wir leben in einer Welt, in der ein gewisses Maß an Arbeit getan werden muss. Das mag man beklagen, ist aber so. Es stellt sich nun die Frage: Wie teilen wir Arbeit und deren Ertrag auf? In der Marktwirtschaft läuft das übers Privateigentum: Der eine hat z.B. eine Fabrik (oder eine Zeitung) und kann die anderen für seinen Wohlstand arbeiten lassen. Die wiederum können froh sein, wenn sie mit dem Lohn einigermaßen über die Runden kommen. Sind sie für die Profitmehrung nicht von Nutzen, werden sie aussortiert und sind noch schlechter dran. In einer vernünftig organisierten Gesellschaft hingegen würden sich die Leute gemeinsam überlegen, was sie brauchen und was sie arbeiten können und auf der Basis dessen planen, wie man das Ziel am besten erreicht. Ja genau, Planen, so wie in Planwirtschaft, so wie in Kommunismus.

Nein, bitte nicht schon wieder: "Aber das hat man ja gesehen, dass der Kommunismus nicht funktioniert hat und haben tun können, damals in der DDR!" Grrr. Bzw.: Ja, eh. Der Realsozialismus, oder besser gesagt der Real-nicht-existierende-Sozialismus war nicht so toll. Auch wenn die Armut in Russland nach dem Ende der Sowjetunion massiv gestiegen ist, genauso wie z.B. die Obdachlosigkeit in Ostdeutschland. Kann man ruhig mal Leute fragen, die da gelebt haben. Und auch die betont betroffene Berichterstattung der bürgerlichen Presse über die traurige Zahl von Hundert Mauertoten ist angesichts der Zehntausenden Flüchtlinge, die jedes Jahr an den freiheitlich-demokratischen Grenzen des "Friedensprojekts Europa" den Tod finden, eine Heuchelei.

Trotzdem, wie gesagt: Toll war er nicht, der Realsozialismus. Anstatt die Menschen vom Verwertungszwang zu befreien, hat er den Versuch unternommen, den Kapitalismus in Sachen Produktivität zu überholen. Das ist ein Spiel, das man erstens nicht gewinnen kann (weil der Kapitalismus in der Verwertung seines Menschenmaterials immer effizienter, weil rücksichtsloser ist) und man auch nicht gewinnen sollte: Das Ziel einer kommunistischen Gesellschaft müsste das gute Leben für alle sein und kein von oben verordneter Produktivitätswettlauf. Kein Wunder also, dass die realsozialistische "Hebelwirtschaft", die versucht hat, die Marktwirtschaft nachzuahmen und sozialistische Varianten von Lohn, Preis und Profit hervorzubringen, letztlich nicht nur am Klassenfeind im Westen, sondern auch an ihren eigenen Widersprüchen zerbrochen ist.

Was tun? Das ist eigentlich eh klar: (Sich) bilden, organisieren, agitieren, kämpfen. Klar, ganz einfach wird das nicht. Aber sehen wir's doch positiv: Angesichts der sozialen Härten und des Irrsinns, der in den kommenden Jahren der Krise und (falls es das gibt) danach noch auf uns zuschwappen dürfte, dagegen erscheint die soziale Revolution doch fast wie ein Spaziergang!

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Kommentare

guter Text! :)

das gegenteil von marktwirtschaft ist planwirtschaft und das ist auch mist.

nunja, so ganz einfach ist das dann auch wieder nicht. Geplant wird hier und jetzt überall: im staat, im studium, in der familie und IN den unternehmen. wo wird nicht geplant: dort wo die resultate der unternehmen aufeinander treffen, am markt.

planen an sich ist also offensichtlich nichts böses. was du mit planwirtschaft meinst, ist wohl realsozialismus oder? und davon würde ich auch abraten. aber dezentrales, demokratisches organisiertes geplantes wirtschaften würde ich sehr begrüssen