GRAS
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Die Vorstellung vom guten Leben

Die Grenzen des Wachstums liegen in Sicht. Inwieweit lässt sich wirtschaftliche Entwicklung mit dem notwendigen ökologischen Umdenken zusammenführen?
Ein Gespräch mit der Sozioökologin Marina Fischer-Kowalski.

GRAS: Was ist Ökolifestyle? Geht der Trend zum ökologisch verträglichen Produkt?

Fischer-Kowalski: Das was heute als Ökolifestyle gilt, hat sich ja erst in den letzten paar Jahren herausgebildet und hat einen starken Fokus auf die eigene Gesundheit, in Bezug auf Ernährung, Kosmetik, Kleidung, Raumluft. Da geht's um eine bestimmte Vorstellung von Natürlichkeit, die für den eigenen Körper gut sein soll. Das ist ein Nachfolgestil der Lebensweise, die viel stärker auf die Umwelt bezogen war, was in den achtziger Jahren bedeutet hat: nicht viel Autofahren, Jute statt Plastiksackerl, Umweltschutzpapier, qualitativ hochwertigere Produkte verwenden, keine Wegwerfwaren, umweltfreundliches Waschmittel etc. Mein Eindruck ist, dass in den letzten Jahren diese, wenn man so will, der Allgemeinheit verantwortlichen Formen der Nachhaltigkeit im Verschwinden begriffen sind. "Danke"-Klopapier bekommt man heutzutage immer weniger. Die Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit ist in den Hintergrund getreten, zu Gunsten eines rein egoistischen Gesundheitsbewusstseins.

GRAS: Fehlt der ökologischen Bewegung die ökonomische Kritik?

Fischer-Kowalski: Die Umweltbewegung war anfänglich ganz stark mit einer wirtschaftskritischen Argumentation verknüpft. Das sehen sie schon bei Rachel Carson, die Anfang der sechziger Jahre mit ihrem berühmten Buch "Silent Spring" für Aufregung sorgte. Oder "Limits of Growth" von den Meadows Ende der Sechziger, die eine Unvereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Umweltschonung postuliert haben. Diese Grundhaltung hat schon sehr bald zur Opposition zwischen Wirtschaftsstreben und Umweltbewusstsein geführt, die dann im Laufe der Zeit zu überbrücken versucht wurde. Teilweise wurden von der Industrie Aspekte der Ressourcenschonung übernommen, der unbedachte Verbrauch und das Ausscheiden von Massen an Müll ist ja schlussendlich nicht rentabel. Eine "closed cycle" Produktionsweise, d.h. Wiederverwertung von Materialen, möglichst geringe Abfall- oder Ausschussmengen ist ökonomisch und ökologisch sinnvoller.

GRAS: Ist der Ausweg vieler Konzerne nicht der Export von Umweltbelastung in die Entwicklungsländer?

Fischer-Kowalski: Konzerne haben drei Strategien, auf die sie setzen. Erstens: neue Innovationen. Das sollte man nicht unterschätzen, bezüglich der Energieintensität oder der Abfallproduktion wurde vieles verbessert. Beispielsweise die österreichische Papierindustrie, die nach einer Anti-Chlor-Kampagne von Greenpeace auf Ozonbleiche umgestiegen ist und nach anfänglichem Gezeter damit sogar riesige Gewinne machen konnte. Die zweite Strategie: Greenwashing, das bedeutet Schönreden der eigenen Produktion. Vor allem in den achtziger Jahren, als die Firmen damit beginnen mussten, Umweltberichte abzuliefern, setzte eine öffentliches Campaigning ein, um das eigene Umweltbewusstsein zu unterstreichen.
Die dritte Strategie ist der Export von umweltschädigenden Prozessen. Wobei es sich dabei nicht in erster Linie um schädigende, sondern um energie- und arbeitsintensive Prozesse handelt. Man produziert z.B. kein Aluminium hier in Europa, weil es ein aufwendiges, schmutziges und energieintensives Verfahren ist. Ich nehme aber nicht an, dass internationale Konzerne ihre technischen Standards runterfahren, nur weil sie in einem Entwicklungsland produzieren. Aber trotz entwickelter Technologie sind die meisten dieser exportierten Verfahren sehr aufwendig, und die Produktion fällt leichter, wenn Seitens der Politik kein Widerstand bezüglich Richtlinien oder Berichtspflicht besteht.

GRAS: Ist die Industrialisierung, die Entwicklung der so genannten 3. Welt eine ökologische Falle?

Fischer-Kowalski: Ich glaube, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass die gesamte Weltbevölkerung irgendwann unsere westlichen Lebensstandards haben kann. Dazu bräuchten wir ein paar Planeten. Es muss einen Prozess geben, durch den sich die Lebensweisen der Menschen auf die Möglichkeiten unseres Planeten einpendeln. Der wird vielleicht 200 Jahre dauern, kann aber auch schief gehen und viele Auseinandersetzungen, sogar Kriege produzieren, was auch schon teilweise geschieht. Es kann natürlich sein, dass wir uns, weil eine Einigung aufgrund der Interessenslage nicht möglich ist, in die Steinzeit zurückbomben.

GRAS: Was sollte an der Wirtschaftsweise geändert werden?

Fischer-Kowalski: Wertfrei betrachtet ist der globale Liberalisierungsprozess eine interessante Sache. Wären da nicht meine eigenen Begrenzungen und die Überzeugung, dass das über kurz oder lang zu einer Verelendung führt. Was ja nicht ausgesprochen wird, was eine Nebenfolge dieses Prozesses ist, ist ja letztlich eine Angleichung der Lohnniveaus und der Lebensverhältnisse weltweit nach unten. Es ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch unmöglich, dass sich die Standards nach oben zu unseren jetzigen hin angleichen. Sie haben da einen wildwüchsigen Angleichungsprozess gegen den sich unterschiedliche Interessensgruppen zur Wehr setzen. Es ist ein wildes Gerangel und ich habe das Gefühl, wenn das nicht eingebettet wird in politische Konsensprozesse und Stabilisierungen mit gleichzeitigen Runterschrauben der Ansprüche in Bezug auf Profit und Wachstum, dann führt uns das in die Barbarei.

GRAS: Wer sind die AkteurInnen des ökologischen Wirtschaftens?

Fischer-Kowalski: Ich glaube, dass es ein Fehler der Umweltbewegung war, Umweltfragen so furchtbar individuell zu moralisieren. Es ist die Frage, wie innovativ es ist, jedes Müllflankerl sorgsam zu trennen und wie viel Arbeit das macht, im Vergleich zu dem, wenn man eine intelligentere Müllentsorgungsstrategie hat. Aber es geht schon darum, dass man auf der Ebene des Einzelnen im privaten Bereich, der Medien und der Unterhaltungskultur Vorstellungen vom gutem Leben entwickelt, die nicht auf rabiate Ausgabensteigerung angewiesen ist. Man sollte Lebensqualität nicht am Einkommen messen. Hier anzusetzen wäre eine zukunftsweisende Möglichkeit, weg vom Profitstreben, um diese neue schon angesprochene nachhaltig verträgliche Lebensweise zu entwerfen.
Vorstellungen, die etwas mit Muße, mit sozialen Kontakten und selbstfabrizierter Unterhaltung und dergleichen zu tun haben. Das muss "bottom up" entstehen, und das passiert auch teilweise schon.

GRAS: Und auf politischer Ebene?

Fischer-Kowalski: Die internationalen Umwelt-Abkommen sind absolut notwendig. Da hat die Umweltpolitik maßgebliches geleistet. Vor allem in Hinblick auf die internationalen Vertragsysteme. Biodiversität und Artenschutz sind Felder, die nur mit internationalen Abkommen geklärt werden können. Momentan sind natürlich die internationalen Freihandelsabkommen weitaus potenter, politisch viel wirksamer. Da muss zumindest ein Gleichgewicht und eine Verschränkung passieren.

Das Interview führte Linda Kreuzer für die Grünen & Alternativen StudentInnen.Die Grenzen des Wachstums liegen in Sicht. Inwieweit lässt sich wirtschaftliche Entwicklung mit dem notwendigen ökologischen Umdenken zusammenführen?
Ein Gespräch mit der Sozioökologin Marina Fischer-Kowalski.

GRAS: Was ist Ökolifestyle? Geht der Trend zum ökologisch verträglichen Produkt?

Fischer-Kowalski: Das was heute als Ökolifestyle gilt, hat sich ja erst in den letzten paar Jahren herausgebildet und hat einen starken Fokus auf die eigene Gesundheit, in Bezug auf Ernährung, Kosmetik, Kleidung, Raumluft. Da geht's um eine bestimmte Vorstellung von Natürlichkeit, die für den eigenen Körper gut sein soll. Das ist ein Nachfolgestil der Lebensweise, die viel stärker auf die Umwelt bezogen war, was in den achtziger Jahren bedeutet hat: nicht viel Autofahren, Jute statt Plastiksackerl, Umweltschutzpapier, qualitativ hochwertigere Produkte verwenden, keine Wegwerfwaren, umweltfreundliches Waschmittel etc. Mein Eindruck ist, dass in den letzten Jahren diese, wenn man so will, der Allgemeinheit verantwortlichen Formen der Nachhaltigkeit im Verschwinden begriffen sind. "Danke"-Klopapier bekommt man heutzutage immer weniger. Die Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit ist in den Hintergrund getreten, zu Gunsten eines rein egoistischen Gesundheitsbewusstseins.

GRAS: Fehlt der ökologischen Bewegung die ökonomische Kritik?

Fischer-Kowalski: Die Umweltbewegung war anfänglich ganz stark mit einer wirtschaftskritischen Argumentation verknüpft. Das sehen sie schon bei Rachel Carson, die Anfang der sechziger Jahre mit ihrem berühmten Buch "Silent Spring" für Aufregung sorgte. Oder "Limits of Growth" von den Meadows Ende der Sechziger, die eine Unvereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Umweltschonung postuliert haben. Diese Grundhaltung hat schon sehr bald zur Opposition zwischen Wirtschaftsstreben und Umweltbewusstsein geführt, die dann im Laufe der Zeit zu überbrücken versucht wurde. Teilweise wurden von der Industrie Aspekte der Ressourcenschonung übernommen, der unbedachte Verbrauch und das Ausscheiden von Massen an Müll ist ja schlussendlich nicht rentabel. Eine "closed cycle" Produktionsweise, d.h. Wiederverwertung von Materialen, möglichst geringe Abfall- oder Ausschussmengen ist ökonomisch und ökologisch sinnvoller.

GRAS: Ist der Ausweg vieler Konzerne nicht der Export von Umweltbelastung in die Entwicklungsländer?

Fischer-Kowalski: Konzerne haben drei Strategien, auf die sie setzen. Erstens: neue Innovationen. Das sollte man nicht unterschätzen, bezüglich der Energieintensität oder der Abfallproduktion wurde vieles verbessert. Beispielsweise die österreichische Papierindustrie, die nach einer Anti-Chlor-Kampagne von Greenpeace auf Ozonbleiche umgestiegen ist und nach anfänglichem Gezeter damit sogar riesige Gewinne machen konnte. Die zweite Strategie: Greenwashing, das bedeutet Schönreden der eigenen Produktion. Vor allem in den achtziger Jahren, als die Firmen damit beginnen mussten, Umweltberichte abzuliefern, setzte eine öffentliches Campaigning ein, um das eigene Umweltbewusstsein zu unterstreichen.
Die dritte Strategie ist der Export von umweltschädigenden Prozessen. Wobei es sich dabei nicht in erster Linie um schädigende, sondern um energie- und arbeitsintensive Prozesse handelt. Man produziert z.B. kein Aluminium hier in Europa, weil es ein aufwendiges, schmutziges und energieintensives Verfahren ist. Ich nehme aber nicht an, dass internationale Konzerne ihre technischen Standards runterfahren, nur weil sie in einem Entwicklungsland produzieren. Aber trotz entwickelter Technologie sind die meisten dieser exportierten Verfahren sehr aufwendig, und die Produktion fällt leichter, wenn Seitens der Politik kein Widerstand bezüglich Richtlinien oder Berichtspflicht besteht.

GRAS: Ist die Industrialisierung, die Entwicklung der so genannten 3. Welt eine ökologische Falle?

Fischer-Kowalski: Ich glaube, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass die gesamte Weltbevölkerung irgendwann unsere westlichen Lebensstandards haben kann. Dazu bräuchten wir ein paar Planeten. Es muss einen Prozess geben, durch den sich die Lebensweisen der Menschen auf die Möglichkeiten unseres Planeten einpendeln. Der wird vielleicht 200 Jahre dauern, kann aber auch schief gehen und viele Auseinandersetzungen, sogar Kriege produzieren, was auch schon teilweise geschieht. Es kann natürlich sein, dass wir uns, weil eine Einigung aufgrund der Interessenslage nicht möglich ist, in die Steinzeit zurückbomben.

GRAS: Was sollte an der Wirtschaftsweise geändert werden?

Fischer-Kowalski: Wertfrei betrachtet ist der globale Liberalisierungsprozess eine interessante Sache. Wären da nicht meine eigenen Begrenzungen und die Überzeugung, dass das über kurz oder lang zu einer Verelendung führt. Was ja nicht ausgesprochen wird, was eine Nebenfolge dieses Prozesses ist, ist ja letztlich eine Angleichung der Lohnniveaus und der Lebensverhältnisse weltweit nach unten. Es ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch unmöglich, dass sich die Standards nach oben zu unseren jetzigen hin angleichen. Sie haben da einen wildwüchsigen Angleichungsprozess gegen den sich unterschiedliche Interessensgruppen zur Wehr setzen. Es ist ein wildes Gerangel und ich habe das Gefühl, wenn das nicht eingebettet wird in politische Konsensprozesse und Stabilisierungen mit gleichzeitigen Runterschrauben der Ansprüche in Bezug auf Profit und Wachstum, dann führt uns das in die Barbarei.

GRAS: Wer sind die AkteurInnen des ökologischen Wirtschaftens?

Fischer-Kowalski: Ich glaube, dass es ein Fehler der Umweltbewegung war, Umweltfragen so furchtbar individuell zu moralisieren. Es ist die Frage, wie innovativ es ist, jedes Müllflankerl sorgsam zu trennen und wie viel Arbeit das macht, im Vergleich zu dem, wenn man eine intelligentere Müllentsorgungsstrategie hat. Aber es geht schon darum, dass man auf der Ebene des Einzelnen im privaten Bereich, der Medien und der Unterhaltungskultur Vorstellungen vom gutem Leben entwickelt, die nicht auf rabiate Ausgabensteigerung angewiesen ist. Man sollte Lebensqualität nicht am Einkommen messen. Hier anzusetzen wäre eine zukunftsweisende Möglichkeit, weg vom Profitstreben, um diese neue schon angesprochene nachhaltig verträgliche Lebensweise zu entwerfen.
Vorstellungen, die etwas mit Muße, mit sozialen Kontakten und selbstfabrizierter Unterhaltung und dergleichen zu tun haben. Das muss "bottom up" entstehen, und das passiert auch teilweise schon.

GRAS: Und auf politischer Ebene?

Fischer-Kowalski: Die internationalen Umwelt-Abkommen sind absolut notwendig. Da hat die Umweltpolitik maßgebliches geleistet. Vor allem in Hinblick auf die internationalen Vertragsysteme. Biodiversität und Artenschutz sind Felder, die nur mit internationalen Abkommen geklärt werden können. Momentan sind natürlich die internationalen Freihandelsabkommen weitaus potenter, politisch viel wirksamer. Da muss zumindest ein Gleichgewicht und eine Verschränkung passieren.

Das Interview führte Linda Kreuzer für die Grünen & Alternativen StudentInnen.

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