Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben
„Nur faulenzen, nix hackln“. Klischees über Studierende sind stark verbreitet, haben aber mit der Realität nichts zu tun: Zwei Drittel der Studierenden arbeiten während des Semesters. Wenn man auch jene hinzuzählt, die nur in den Ferien arbeiten, sind es 80%. Die Studienpläne aller Studienrichtungen sind auf eine 40-Stunden-Woche ausgelegt.
Unterfinanziertes Leben
Zügig Studieren und Arbeiten ist schwer zu vereinbaren, diese Erfahrung hat Nicole gemacht. Nicole ist aus privaten Gründen aus Deutschland nach Österreich gekommen und hat begonnen, Polonistik und Theaterwissenschaften zu studieren: „Ich habe keine Stipendien, Studienbeihilfe etc. gehabt und von den Eltern nur das Kindergeld (Anm: 154€ pro Monat) überwiesen bekommen. Da ich zu dieser Zeit 24 Jahre alt war, wurde es mir wichtig, von meinen Eltern unabhängig zu sein, zumal meine jüngere Schwester ebenfalls zu studieren begann und keine eigenen Einkünfte hatte“. Dass von 154€ kein Mensch leben kann, ist klar. Da Nicole keine österreichische StaatsbürgerInnenschaft hat, war sie vom Stipendiensystem ausgeschlossen. Um sich über Wasser zu halten hat sie eine Arbeit angenommen, bei der sie geringfügig beschäftigt war. Dann nahm sie einen Teilzeitjob an, was ihr zwar eine Sozial- und Pensionsversicherung brachte, aber viel Zeit auf das Studium nahm. Dass die neuen Studienpläne immer mehr Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht beinhalten, machte für Nicole die Vereinbarkeit von Studium und Arbeit schwierig: „Leider hatte ich keine flexiblen Arbeitszeiten mehr und konnte bestimmte Vorlesungen nicht besuchen“.
Unterfinanzierte Uni
Die Frustration mit der Situation am Institut für Theaterwissenschaften tat ihr Übriges: Ausgebuchte Lehrveranstaltungen, völlig überfüllte Seminare und monatelang unverfügbare Bücher in der Institutsbibliothek. Der Zwang zur Erwerbsarbeit und die Unterfinanzierung der Uni verunmöglichte ein Weiterkommen im Studium. Nicole wollte nicht ewig 363€ pro Semester umsonst zahlen und brach ihr Studium ab.
Unterfinanziertes Stipendiensystem
Aber auch StudienbeihilfebezieherInnen stehen unter Druck: Die Studienbeihilfe ist zu niedrig, um davon leben zu können. Wissenschaftsminister Hahn hat angekündigt, dass die Höchststudienbeihilfe um magere 12% von 606€ auf 679€ erhöht wird. Dieser Wert deckt nicht einmal die Inflation seit der letzten Erhöhung von 1999 ab. Was noch viel wichtiger ist: Die neue Höchststudienbeihilfe liegt immer noch 171€ unter der Armutsgefährdungsgrenze von 850€!1. Nur ein Bruchteil der Studierenden erhält überhaupt Höchststudienbeihilfe, durchschnittlich werden monatlich 277€ ausgezahlt.
Unterbezahlte Nebenjobs
Ohne zusätzliche Erwerbsarbeit ist ein Studium unfinanzierbar. Nebenjobs für Studierende sind großteils prekär abgesichert: Viele dieser Nebenjobs für Studierende sind schlecht bezahlt, beinhalten weder Arbeitslosenversicherung noch Pensionsversicherung, sind für ArbeitgeberInnen sehr flexibel kündbar und beinhalten stupide Tätigkeiten. Diese Nebenjobs bringen meist wenig Geld und Erfahrung, kosten aber viel Zeit: Zeit die fürs Studium fehlt. Wer wenig länger als die Mindeststudienzeit studiert, verliert Familien- und Studienbeihilfe. So hat es auch Julia erlebt, die Judaistik und Frauenforschung studiert hat: „Weil meine Mutter alleinerziehend war und als Krankenschwester wenig verdient hat, bekam ich Studienbeihilfe (Anm.: 1998: 4000öS/291€), die ich aber recht bald verlor, weil ich zu lange für den ersten Abschnitt gebraucht habe.“ Nach dem Beihilfenverlust ist noch mehr Erwerbsarbeit notwendig und das Studium verzögert sich weiter. „Ich mußte den Abschnitt fertig machen, viel arbeiten, meine Mutter drohte mit Geldentzug, Druck von vorne bis hinten.“. 70ÖS/5€ pro Stunde hat Julia 2001 im Verkauf verdient, gleichzeitig wurden die Studiengebühren eingeführt. Der finanzielle und psychische Druck vergrößerte sich weiter. Aus dem sozialen Teufelskreis kam Julia nicht mehr heraus und sie brach das Studium ab, mit 3000€ minus am Konto.
1Internationale Definition der Armutsgefährdungsgrenze: 60% des Medianeinkommens.