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Kampf um jeden Quadratmeter

Ohne Arbeit, ohne Schutz, ohne FreundInnen – viele Obdachlose sind auf Hilfe von außen angewiesen. Es braucht aber mehr als ein Dach über dem Kopf – Selbstbestimmung, Autonomie, Gestaltungsfreiheit und Freiraum sind die ersten Schritte um zu seinem Leben zurück finden zu können.
Obdachlos zu sein – das heißt eine der schlimmsten Auswirkungen von Armut zu erfahren. Wer auf der Straße lebt, ist ohne Arbeit, ohne Schutz, häufig ohne FreundInnen und Selbstbewusstsein. Auf der Straße zu leben heißt, ständig Angst vor Diebstahl und Krankheiten, Angst vor dem nächsten Tag und der nächsten Nacht zu haben. Obdachlosigkeit bedeutet vor allem, keine Privatsphäre und keine Zukunftspläne zu haben, den persönlichen Freiraum auf ein Minimum reduziert.
Auf der Straße zu landen, kann jeder und jedem passieren. Obdachlose sind schlicht durch ein Loch in unserem Sozialsystem gefallen, das wir alle verabsäumen, zu stopfen.
Die Ursachen für Obdachlosigkeit sind vielfältig, häufig treffen Arbeitslosigkeit, Verschuldung und zu wenig bezahlbarer Wohnraum zusammen mit Kindheitstraumata, Alkohol- und Drogenkonsum, Ehekrisen, Einsamkeit und fehlender sozialer Unterstützung. Oft kommen dann noch juristische und polizeiliche Komplikationen hinzu und der Schritt auf die Straße ist nicht mehr weit.
Unterschiedlichste öffentliche Projekte versuchen, Obdachlosen in ihrer Situation zu helfen. Zeitschriften wie der Augustin bieten Platz für Arbeit und Kreativität, Einrichtungen wie die Gruft bieten temporäre Schlafplätze und Suppenschänke wie der Louisebus der Caritas versuchen Fixpunkte und Familien(ähnlicher)ersatz zu sein. Sie alle sind, zumindest kurzzeitig, Teil der Heimatdefinition betroffener Menschen.

„Gut versorgt“ und „schön und sauber“?
Eine Reihe von Studien belegen aber, dass diese Einrichtungen bei weitem nicht reichen. So waren im Jahr 1999 rund 1.000 bis 2.000 Menschen akut wohnungslos („Obdachlos“) und lebten auf der Straße. Neuere Schätzungen bestätigen diese Zahl. Ungefähr 12.000 Menschen waren 1998 in Österreich in Einrichtungen für Wohnungslose untergebracht, weiters rund 7.000 AsylwerberInnen und MigrantInnen in Einrichtungen der Flüchtlings- und Ausländerhilfe.
Für Wiens Bürgermeister Michael Häupl waren (1998) die Obdachlosen „gut versorgt“, die Obdachlosenheime in Wien „nicht einmal ausgelastet“. Ein Blick auf Wiens öffentliche Plätze, wie zum Beispiel den Franz-Josephs-Bahnhof bot für viele aber ein anderes, tristes Bild.
Unter dem Motto „Schöner und Sauberer Bahnhof“ wurden Obdachlose aus ohnehin schon untragbaren Umständen wie dem Leben in einer Bahnhofstoilette auf die Straße verdrängt.
Viele dieser Personen konnten aber Hilfe von öffentlicher Hand nicht annehmen. In den meisten der öffentlichen Einrichtungen galt Alkoholverbot, man durfte weder Partner noch Tiere mitnehmen, was oft die einzig noch vorhandenen Lebenspartner waren.
Als Antwort politisch engagierter Menschen auf das selektive öffentliche Angebot entstand so 1998 das Projekt NeunerHaus, das in der Hagenmüllergasse im dritten Bezirk 65 ehemals obdachlosen Personen mit einem komplementären Programm zu Einrichtungen der Stadt Wien Platz bietet.
Die Finanzierung läuft über einen Mietbeitrag der Bewohner über rund 200 Euro, dieser wird aber vom Sozialamt rückerstattet, gemeinsam mit dem Gefühl, nicht nur Pflichten sondern auch Rechte zu haben.
Jeder Bewohner hat eine eigene Wohnung, einen eigenen Schlüssel und so genügend Freiraum und Privatsphäre sowie völlige Autonomie in der Gestaltung der Innenräume und die Möglichkeit, mit Begleitern jeder Art – ob Tier, Partner oder Alkohol – zu leben.
„Inzwischen sind wir etabliert und bekommen Unterstützung der Stadt Wien“, erzählt der Geschäftsleiter des NeunerHauses Markus Reiter. „Als wir vor 8 Jahren begannen, war es aber für viele einfach nicht vorstellbar, Obdachlosen mit so viel Offenheit, Eigenverantwortung und ohne Verpflichtungen zu begegnen“, so Reiter.

„Den Fuß in der Tür“ bei leer stehenden Häusern
Auch in anderen Bereichen entziehe sich die Stadt Wien ihrer Verantwortlichkeit. Es gäbe sehr viele Häuser in Wien, die leer stünden, was aber dementiert werde. Hier gelte es, laut Reiter, ein offenes Ohr zu haben und „mit dem Fuß in der Tür“ zu stehen, bevor diese verkauft würden.
„Es muss auch viel mehr Platz für Freiraum, soziale und künstlerische Projekte geschaffen werden“, bemängelt Reiter. Dieser Drang nach Unabhängigkeit sei jedoch vielen Leuten der Stadtverwaltung „unheimlich“, „man will anscheinend lieber Eigeninteressen verfolgen, Geld machen und Autonomie kontrollieren“, umreißt Reiter seine Eindrücke.
Von öffentlicher Seite sei laut Reiter also Vieles noch nicht getan, zu hoffen bleibt, dass noch genügend private Projekte wie das NeunerHaus entstehen und diese den vorhandenen Raum sogar (hic!) nutzen dürfen.

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