Leistung an sich - positiv oder negativ?
"Leistung kann durchaus positiv und notwendig sein, aber eben nicht Leistung an sich, sondern Leistung für, Leistung an jemanden oder etwas. Aus Dokumenten der Euthanasie-Morde im Dritten Reich geht deutlich hervor, dass die massenhafte Vernichtung von Menschen von den Tätern durchaus als Leistung erlebt wurde" [Waltraud A. Mitgutsch, Leistung und autoritäre Erziehung, in: Friedensforum, 90/1].
Für viele Menschen ist es ganz klar: LEISTUNG ist etwas positives, der Begriff wird nicht hinterfragt. Punkt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich die einzelnen Individuen hauptsächlich über Leistung definieren. Der geleistete Schulerfolg und das anschliessende Studium dienen als Grundlage für einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Dass Leistung, die in den verschiedenen Schulsystemen - vor allem in den Industrieländern - verlangt wird, häufig nur ein Anpassen, ein Sich-Einfügen in die Gesellschaft bedeutet, wird gerne übersehen. "Mittelpunkt der leistungsorientierten Erziehung ist nicht das Kind, sondern das Erziehungsziel: Klagloses Eingepasstwerden in ein wesentlich hierarchisches Gesellschaftsgefüge, Gehorsams statt Rechtsempfinden, Leistung statt Persönlichkeitsentfaltung" [Mitgutsch, in: Friedensforum, 90/1].
Leistung an sich soll schnell und klar strukturiert - durch Verordnungen und Erlässe - vorgegeben werden. Ein System, egal ob Schulsystem oder allgemein die Gesellschaft, das stark auf Leistung aufbaut, kann nur einige GewinnerInnen und viele VerliererInnen mit sich bringen. Das ist ganz klar. Kinder, die langsamer lernen, Kinder, die spezielle Bedürfnisse haben, Kinder, die lernunwillig - weil z.B. verspielt - sind, werden diesem Leistungssystem nicht standhalten können. Damit ALLE relativ gleiche Chancen besitzen, müssten spezielle Fähigkeiten gestärkt und gefördert werden. Die Fantasie wäre so eine förderungswürdige Fähigkeit. "(...) Fantasie ist keine Sonderbegabung, jedes Kind hat sie, aber statt sie zu fördern und sie zu üben, treibt man sie den Kindern im Lauf der Erziehung aus. Dabei wäre Fantasie der stärkste Leistungsansporn und zugleich das beste Mittel zur Entwicklung einer eigenmotivierten, selbstständigen Persönlichkeit. Allerdings ist Fantasie nicht reglementierbar und auch nicht abfragbar, sie lässt sich nicht vom Rest der Person trennen und wirksam zu bestimmten Zwecken einsetzen. Fantasie ist wohl Leistung und läuft dennoch dem herkömmlichen Leistungsbegriff zuwider. Gerade deshalb sollte man sie zum Angelpunkt eines neuen Leistungskonzeptes machen. Fantasie in diesem Sinn hat auch nicht primär mit der Kunst zu tun. Sie bedeutet ganz allgemein die Fähigkeit zur Verwandlung, d.h. die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, in andere Existenzweisen, in andere Erlebnisformen, Möglichkeiten durchzuspielen, noch nicht Vorgestelltes an sich heranzulassen. Sie ist eng verwandt mit Empathie, und sie ist der Anfang von allem Schöpferischen, auch einer schöpferischen Entfaltung der Persönlichkeit. Dabei entspricht sie durchaus den Anlagen der meisten Kinder: Nämlich der Neugier, in der Vorstellung auszuprobieren: Wie wäre es, wenn... was würde ich machen, wenn... wie würde ich mich fühlen, wenn... Wer in diesem Sinn Fantasie besitzt, ist erst eigentlich demokratiefähig, weil er/sie dadurch fähig wird zu Mitgefühl und sozialer Verantwortung, und sich als nicht austauschbares Individuum erlebt, das anderem mit Neugier und Respekt begegnen kann" [Mitgutsch, in: Friedensforum 90/1].
Fantasie wird jedoch den Kindern sehr früh ausgetrieben. Kindern soll das Ruhig-Sitzen, konzentrierte Arbeiten und das Streben nach Leistungen möglichst schnell beigebracht werden. Auch im weiteren Leben wird das Streben nach Anerkennung, die Selbstdefinition üder den "Selbst-Wert" oftmals über Leistung im Bereich der Lohnarbeit und die dortigen Wettkämpfe definiert. Hinterfragt wird das selten. Die einen arbeiten bis zum "Umfallen", den anderen wird nach gesellschaftlich aufgestellten Kriterien die Anteilnahme am Kuchen - sprich Arbeitsmarkt oder gesellschaftlichem Leben - verweigert.
Aber im Kapitalismus bleibt das wohl bloß ein frommer Wunsch - bereits das Schulsystem und deren Inhalte radikal in Richtung Ausweitung und Förderung von Fantasie zu ändern.
Kommentare
super text!
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