Gegen die Kolonialisierung der Lebenswelten
Freiräume sind eine Spielwiese für die eigene Identität, eine Art Labor um all das auszuprobieren, was unter den sonstigen Zwängen, Regeln und Normen nicht ginge.
Wer nach Freiräumen sucht, sucht nach der Befreiung von all den Einflüssen, denen wir in unserer Zivilisation ausgesetzt sind, sucht nach sich selber und wundert sich vermutlich darüber, welche Form dieser Freiraum dann für ihn selbst annimmt. Ob Reisen, ein Haus besetzen und sich kreativ, politisch und künstlerisch auszutoben, ob meditieren oder ein gutes Buch lesen, ob selber schreiben, malen oder schaffen, nach Freiräumen zu suchen ist eine eigene Art, die Welt zu sehen, nach Rissen in der Realität zu suchen.
Ein Freiraum ist die Freiheit, die Personen oder Gruppen zur Entwicklung, Definition und Entfaltung ihrer Identität und Kreativität benötigen.
Also sind Freiräume zentraler Bestandteil für jeden Menschen, um zu dem zu werden, was er/sie ist, was er/sie gerne sein und darstellen möchte, um zu seinen Meinungen, Einstellungen, Sicht- und Lebensweisen zu finden, unabhängig von der Meinung anderer, außerhalb dieser Freizone.
Frei von Herrschaft, Zwang und Arbeit
Der Imperativ der permanenten Autorität, die Kolonialisierung der Lebenswelten, um mit Habermas zu sprechen, dringt aber immer mehr in Lebensbereiche ein, die zu gestalten zuvor dem Individuum überlassen waren.
Ein Freiraum, ein Raum frei von Herrschaft, von den Zwängen des Konsums, der Kommunikation und Information, der Befreiung der permanenten Doktrin und Überflutung durch die Medien und dem Arbeitszwang, ist es das, was mensch braucht? Würde das in unserer Gesellschaft nicht Isolation, vollständige Abkehr, Verbarrikadierung in den eigenen vier Wänden bedeuten? Oder ganz im Gegenteil einen Zwang, zu reisen, ständig auf der Suche nach Neuem zu sein, ständig von einer Lebenssicht zur nächsten zu reisen, um nicht einer einzelnen unterlegen zu sein?
„Das Freiheitsbedürfnis, den Drang nach einer Abkehr von unserer Gesellschaft, kann man in jedem Reiseprospekt erkennen, jeder Tourismuskatalog wirbt damit auf der ersten Seite“, ist jedenfalls der Soziologe Werner Zips überzeugt. Für ihn stünde Freiraum aber in einem sehr negativen Zusammenhang. „Immer, wenn wir über Freiräume reden, impliziert das einen Rückgang, hat das mit Freiraumbeschneidung zu tun“, so Zips. Besonders der Verlust der natürlichen Freiräume sei schmerzhaft, in der urbanen Gesellschaft gäbe es fast keinen Raum mehr frei von Kommunikation und auch die inneren Freiräume unterlägen der oben erwähnten Kolonialisierung der Lebenswelten.
Die Aushöhlung des universitären Freiraums
„Überall, wo es Freiräume gibt, sind sie im Rückgang. Menschen, die noch die Freiheit haben, über ihre eigene Zeit zu verfügen, ich denke da an die indigene Bevölkerung, werden per UN-Beschluss der Mainstreamgesellschaft angegliedert“, skizziert der Soziologe Zips sein Bild der Freiheitstendenz. Für ihn fände eine „sehr negativ“ zu bewertende Entwicklung statt: „Die Wirtschaft überrollt den Staat, als Universitätsprofessor bekommt man das ja am allerbesten mit. Mit jeder Novelle wird der universitäre Freiraum noch weiter ausgehöhlt“.
Kommerzialisierung, Werbeplakate, Bierzelte – Uni?
Damit spricht er jene Freiheitsbeschneidung an, die StudentInnen vermutlich am meisten trifft: mit der Einführung von Studiengebühren wurde die Uni von Tag zu Tag mehr zu einem Ort der Kommerzialisierung, der Werbeplakate, der Beschleunigung der Lebenswelten. Das Universitätsgesetz 2002 presst die Universitäten in eine vorgefertigte Form kapitalistischer Verwertungslogik.
Wo eigentlich Platz für die StudentInnenen selber sein sollte, werden ganze Unihöfe in Bierzelte umgewandelt; StudentInnen nicht mehr als wertvoller Bestandteil der Gesellschaft begriffen, sondern als Kunde des Universitätskonzerns, als perfekte Zielgruppe für Werbefirmen und Banken. Man denke hier nur an den „Raiffeisenlesesaal“ der Kepler Uni Linz oder den „Stronach Hörsaal“ der TU Graz. Platz für Freiraum, für Gedanken, Wissen, Diskurs, Lernen, Leben, Feiern und Bildung? Beschnitten. Willkommen in der Ausbildungsgesellschaft, in der alles noch schneller, noch besser, noch zielgerechter sein muss.
Wo gibt es noch Freiraum, wie schafft man ihn sich?
Beispielsweise das StudentInnenlokal TÜWI, gleich neben der Universität für Bodenkultur, ist ein letzter Freiraum für StudentInnen. Das TÜWI tritt genau für das ein, was beispielsweise auch BesetzerInnen des alten AKHs der Gruppe freiraum (siehe webtipp) auf ihrer Homepage fordern: ein autonomer Ort ungezwungenen Zusammenseins, wo frei von Konsumzwang kritische Reflexion und progressiv-alternatives Handeln gelebt wird. Essen auf ökologischer Basis mit abwechslungsreichem Kulturprogramm abseits des Mainstreams wird bei freiem Eintritt geboten.
Auch das TÜWI ist aber durch das Hochschulgesetz 2002 bedroht. Immer mehr Einrichtungen müssen sich der kapitalistischen Verwertungslogik der Universität, die den allgemeinen Trend der systemischen Imperative wiederspiegelt, beugen.
Seit 2004 versuchte die Gruppe freiraum mehrmals, Gebäude am alten AKH zu besetzen um genau gegen diesen Trend anzukämpfen. Ziel ist es ein ähnliches Konzept wie das TÜWI im alten AKH zu initiieren.
Man könnte diese neue Bewegung als Weiterführung und Aktualisierung des Wiener Aktionismus sehen, in dem noch die Kommune als Antizipation zur kapitalistischen Gesellschaft und als Organisationsform für den Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse gesehen wurde.
„Ob eine solche Initiative ihrem extrem liberalen Anspruch aber auf Dauer gerecht werden kann, wäre ich eher skeptisch“, meint jedoch der Soziologe Zips. Er sieht aber in der aktuell wieder aufkeimenden Hausbesetzerszene eine Art Gegenwehr zu der immer größer werdenden Beschneidung der Autonomie der Lebensbereiche und „auf jeden Fall“ eine Möglichkeit, zumindest „für einen kurzen Zeitraum einen „erlebten Freiraum“ zu schaffen.